"Solingen kenne ich, das steht immer auf den Messern. Aber wo liegt das?" werde ich häufig gefragt. Dann könnte ich antworten: "Das ist die selbsternannte Rock City No.1 und liegt im Gospelraum NRW Rhein/Ruhr, in etwa zwischen Düsseldorf, Köln und Wuppertal." Seit etwa 3 Jahren bin ich in Solingen wohnhaft und quasi "vom Dorf" kommend noch immer von der großen kulturellen (Gospel-)Vielfalt in den umliegenden Großstädten überfordert. Erst jetzt habe ich es zu einem Solinger Gospelkonzert geschafft. Es gibt in Solingen zwar diverse Gospelchöre, auf der großen Gospel-Landkarte von Gospelszene.de sind bisher jedoch erst "Unisono Gospel" und deren Ableger bzw. der Jugendchor "Young Voices" aus der Kirchengemeinde Solingen-Ketzberg verzeichnet. Und diese beiden feierten ihre neue CD mit stolzen 4 Konzerten an 2 Wochenenden. Bei meinem Spontanbesuch in letzter Sekunde war bei der Premiere gerade so noch etwas Platz auf der Orgelempore - die Herbstkonzerte von Unisono Gospel haben Tradition und sind meist ausverkauft.

Noch während ich in die Kirche kam eröffnete Unisono Gospel klangvoll mit "The Lord is in his holy Temple" das Konzert. Darauf folgte sogleich der Kontrast mit "Welcome Precious Jesus" und riss die große Gemeinde in der ausverkauften Kirche sofort mit. Dieses gelingt auch auf der neuen CD, wo der Song an erster Stelle steht. Es ist mit Sicherheit und zurecht eine der beliebtesten Kompositionen von Hanjo Gäbler. Die Band hat ihre Hausaufgaben sehr gut gemacht, hielt sich dicht an das Original und legte mit fettem Groove vor. Im herrlich ausgeleuchteten Altarraum strahlte der Solinger Gospelchor, dem die Vorfreude nach intensiver und harter Arbeit in den Proben und im Tonstudio deutlich anzumerken war. Bekanntlich sitzt das Repertoire nach CD-Aufnahmen besonders gut und so gab es im Laufe des Abends wirklich nur kleine unwesentliche Schnitzer. Ganz im Gegenteil: Die Leiterin Elisabeth Szakács hatte ihre Sängerinnen und Sänger hervorragend im Griff, überließ nichts dem Zufall und dirigierte deutlich bis ins kleinste Detail. Beispielhaft zeigte sich dieses bei dem modular aufgebauten "Born Again", einem der fetzigeren Worship-Songs vom Oslo Gospel Choir. Dieser bzw. Komponist Tore W. Aas sowie Joakim Arenius waren auch die dominierenden Songlieferanten für diesen recht skandinavischen Worship- & Gospelabend. So z. B. "Your Love" mit solistisch anführendem Trio und einem vorweg eingebetteten Gebet. Sicherlich ein Höhepunkt war "Thy Will Be Done" von Joakim Arenius. Band und Chor zeigten sich als große Einheit und gaben sich dynamisch dem nahegehenden Inhalt und dem eindrucksvollen Arrangement von Komponist Joakim Arenius hin. Sehr gefallen hat mir auch die Integration zahlreicher Solisten in das Programm und die dezenten aber wirkungsvollen wie auch aussagekräftigen Choreografien im Einklang zur malerischen Beleuchtung. Der Altarraum wurde neben dem Lichtspiel auch zum Klangraum für Franziska Kölker, als sie einzig mit Bandbegleitung den Billie Holiday-Titel "God Bless The Child" vortrug.

Während des Konzertabends wechselten die Young Voices mit Unisono Gospel erstaunlich schnell ihre Plätze und präsentierten sich als Nachwuchs sogar A cappella mit "Goin Up Yonder". Ein schöner Brückschlag war übrigens die männliche Unterstützung der Unisono-Männer, denn offensichtlich hat der Solinger Männernachwuchs noch nicht bemerkt mit wie vielen netten Mädels er wöchentlich proben dürfte. "Shabach", jener Song der besonders von Byron Cage aber auch Walt Whitman groß herausgebracht wurde, begeisterte mit Frische und Choreografie. Allerdings wünschte ich mir insgesamt deutlich mehr freche Energie, welche bei jungen Stimmen sehr leicht alleine durch Motivation erzeugt werden kann. Das exakte Dirigat führte an diesem Abend nicht nur bei diesem Titel dazu, dass der Chor sich nicht vollständig dem Groove der Band hingeben konnte. Auf der CD fehlt "Shabach", dafür sangen die Young Voices bei "Revelation 19:1" (auch bekannt als "Hallelujah, Salvation and Glory") von A. Jeffery LaValley mit. Dieser Gospelsong ist längst zu einer Hymne in der weltweiten Gospelszene geworden und wurde auch live in Gemeinschaft beider Chöre gesungen. Mit sauberer und klarer Stimme begeisterte hier wie auch bei anderen Titeln Marc Hertzer als Solist. Ganz nach meinem Geschmack und erneut in Gemeinschaft beider Chöre wurden die eher abgedroschenen Oldie-Gospels wie "Down By The Riverside" und der Weihnachtsgospelsong "Amen" im knackig modernen Medley von Joakim Arenius abgefrühstückt. Die Gemeinde kam damit auf ihre Kosten, die Sänger konnten sich austoben und dennoch blieb der Schwerpunkt am Abend auf der zeitgemäßen Gospelmusik.

Wie viel Arbeit in der CD steckt bewies auch die große Konzertpause: Im Gemeindehaus warteten auf die Besucher vom CD-Release-Konzert nicht nur Sekt und Snacks sondern auch ein aufwändig mit kreativer CD-Kunst dekorierter Saal. Zurecht, denn die CD wurde hervorragend produziert. Für einen Laienchor der Singen nicht zum Beruf sondern zum wunderschönen Hobby hat, eine echte Trophäe. Ich würde Unisono Gospel bei ihrem Level sogar eine Live-Produktion zutrauen, was sich mit dem Best-Of von 4 Herbstkonzerten sicherlich auch realisieren ließe.
Mein Fazit: Unisono Gospel trifft mit Repertoire, Stilistik sowie Gesamteindruck den Geschmack vieler Generationen und setzt auch die meist klassische und anspruchsvolle Arbeit einer Kantorei in der Popularmusik nahtlos fort. Ein echter Mehrwert für den Chor ist die professionelle Band, welche in Sachen Sound, Stilistik und Groove absolut inspiriert. Die Young Voices zeigten sich weder unsicher noch als Anfängerchor. Sie sangen mit ausgereifter Intonation und präsentierten sich motiviert, die Liebe für Gospelmusik auch in ihrer Generation weiterzuentwickeln. Ein Gesamtwerk, zu welchem ich der Chorleiterin Elisabeth Szakács nur gratulieren kann
Weitere Informationen zu "Unisono Gospel", den "Young Voices" und deren CD:
www.unisono-gospel.de

Unisono Gospel - CD-Titel: Sing For Joy
1. Welcome Precious Jesus
2. Born Again
3. Your Love
4. Time To Celebrate
5. Thy Will Be Done
6. Teach Us Your Way
7. He's Got The Whole World
8. Goin Up Yonder
9. God Bless The Child
10. Revelations
11. A Joyful Noise
unisono Gospel, Chor der Evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Ketzberg
featuring Jugendchor Young Voices (Titel 8 und 10)
Gesamtleitung: Elisabeth Szakács
Schlagzeug: Philip Pasquay
Bass: Ralf Schusdziarra
Keybords: Kalle Kappner
Gitarre: Knut Kornatz
Saxophone: Erich Leininger
Aufgenommen im audioworks-Tonstudio,
Velbert, Juli/August 2010
Sound und Digitaledit: Knut Kornatz